Das Ergebnis von Transformation: Pocket Radio featuring Lys Y. Seng

Das prämierte Foto aus dem Tanzstück The Weight Of Waiting. Foto: Lys Y. Seng

„Ich bin Fotografin“, erklärt Lys Y. Seng, „mit bewegten Bildern habe ich nichts zu tun.“ Dass sie sich neuerdings aber dennoch nicht ausschließlich mit dem Raum, sondern auch mit dem Faktor Zeit beschäftigt und ihre Bilder sich bewegen, liegt an der Corona-Pandemie und am Lockdown: Sie hatte plötzlich viel Zeit für Neues.

Beschäftigung mit visuellem Jazz

Das Neue soll ein Genre-übergreifendes Musikprojekt werden, also nicht alleine nur Musik. Parallel zur Akustik sollte auch noch ein weiterer künstlerischer Aspekt erfahrbar werden: Das waren die Vorgaben, die an sie herangetragen wurden. Doch einfach nur eine Auswahl ihrer Fotografien an die Wand hängen, fand Lys zu profan: „Für einen Abend konzipiere ich keine Ausstellung“, so ihre eigenen Ansprüche.

Gleichzeitig aber fand sie die Aufgabe spannend und dank dem Lockdown hatte die Perfektionistin auch viel Zeit, um sich mit der Idee intensiver zu beschäftigen. Ähnlich erging es ihr mit dem Gedanken, Jazz visuell zu begleiten: „Das ist schwierig für eine Fotografin, aber gleichzeitig eine interessante Herausforderung.“

Plakat zu dem Visual Konzert No. 2 am 6. Mai 2022.

Pocket Radio featuring Lys Y. Seng ist das Ergebnis dieser außergewöhnlichen Symbiose, die am Freitag den 6. Mai 2022 im Alten Stromwerk in Mannheim (Fardelystraße 1-3, Einlass 19.30 Uhr, Beginn 20.00 Uhr) einmalig präsentiert wird. Die Jazz-Combo Pocket Radio mit Matthew Halpin (Tenorsaxofon), Riaz Khabirpour (Gitarre), Matthias Akeo Nowak (Bass) und Oliver Rehmann (Schlagzeug) wird dabei visuell von der Fotografin Lys Y. Seng begleitet.

Wobei ihre Fotografien nicht zu sehen sein werden. Sie wird auch nicht als Fotografin den Abend begleiten, sondern als Künstlerin. Sie wird sich anderer bildlicher Elemente bedienen, wie sie im Vorfeld verrät, und diese mittels Projektionen im Raum sichtbar machen. Und auch der Faktor Zeit kommt zum tragen, es sind nicht mehr statische Bilder, mit denen sie arbeitet, sondern vielmehr bewegte Sequenzen, mit denen sie visuell den Jazz begleitet.

Ihr Weg von der Fotografin zu Künstlerin

„Ich bin keine Künstlerin“, erklärte Lys Y. Seng noch vor einigen Monaten: Die Fotografie stand da noch alleinig im Mittelpunkt ihres kreativen Schaffens, selbst an Ausstellungen hatte sie gar kein wirkliches Interesse: „Nur wen ich Zeit und Lust habe.“ Doch dann kam der Lockdown und sie hatte plötzlich sehr viel Zeit, da es für sie nichts mehr zu fotografieren gab.

Die Fotografin und Künstlerin Lys Y. Seng. Foto: Christian Kleiner

Den Lockdown mit einem halben Jahr der Leere entwickelte sich für sie allerdings ganz anders: „In der Krise kann man profitieren“, wie sie erklärt, „die Leere und Ruhe macht den Kopf frei, man hat die Möglichkeit, sich zu befreien.“ Es entsteht in dieser Zeit Neues, man kann „Gedanken anfassen“, wie sie es ausdrückt. Aus der Krise im Lockdown wird am Ende eine „wertvolle Zeit“ für sie. „Wir überschreiten Grenzen, und das, was jetzt entsteht, ist ein Gewinn, der bleibt da“, so ihre Beschreibung jener Zeit.

Die eigene Veränderung zum Ausdruck gebracht

Das hat sie mit The Weight of Waiting (übersetzt als Die Schwere des Wartens) bereits eindrucksvoll bewiesen. Es ist ein Tanzstück und es ist der Titel ihrer Fotos daraus, es geht um Schwerkraft, Leere und um ein Loch: „Man möchte sich befreien“, sagt sie, „man möchte die eigenen Grenzen hinter sich lassen.“ Nur geht das nicht so einfach, wenn der Körper in der Schwerkraft und Leere der Zeit verfangen ist und gar nicht entkommen kann.

Ein Foto aus dem Tanzstück The Weight Of Waiting. Foto: Lys Y. Seng

Eindrucksvoller hätte Lys die Situation im Lockdown nicht beschreiben und dokumentieren können. Die Fotos entstanden im Herbst 2020 im Eintanzhaus, Éric Trottier inszenierte ein Tanzsolo von großartiger Fantasie, in dem die Tänzerin Georgia Begbie den Lebenszyklus eines Wesens beschreibt. Es geht um die Frage von Leben und Vergangenheit und um die Frage von Transformation, wie Vergangenheit und Gegenwart einen Weg in die Zukunft formen: Ein Prozess, in dem sich die Beteiligten unbemerkt gerade selber befanden.

Auszeichnung für Transformation

Denn am Ende hatte nur sie als Fotografin und das Team selber die Inszenierung sehen können, das Meisterwerk der Choreographie blieb ansonsten ungesehen von irgendwelchem Publikum – es war Lockdown. Und es war plötzlich viel Zeit da für Veränderungen und für Neues. Auch für Lys Y. Seng. Es ist die Zeit, in der aus der Fotografin langsam eine Künstlerin und aus ihren Fotos beeindruckende Kunstwerke werden.

Das im “Arts & Me”-Wettbewerb prämierte Foto aus dem Tanzstück The Weight Of Waiting. Foto: Lys Y. Seng

Im Januar gewinnt Lys Y. Seng mit einem Foto aus der The Weight of Waiting-Serie den 1. Platz beim Fotowettbewerb „Arts & Me“ der Canon-Academy: Eine Auszeichnung, die primär der Qualität des Fotos geschuldet ist, aber auch ihre neue Rolle als Künstlerin würdigt. Und in dieser Funktion tritt sie im Alten Stromwerk auf: Sie bildet nicht mehr nur fotografisch ab wie in der Vergangenheit, Lys Y. Seng inszeniert neuerdings selber als Künstlerin. Pocket Radio featuring Lys Y. Seng ist insofern nicht nur ein Jazz-Konzert, sondern vielmehr auch eine Inszenierung, die als das Ergebnis eines Transformationsprozesses einer neu entwickelten Künstlerin verstanden werden muss.

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