Sind die Schriesheimer Quellen politisch vergiftet? 3. Teil: „Quellen müssen fließen“

Der stillgelegte Hesselbrunnen an der Hesselbrunner Fichte zwischen Schriesheim und Wilhelmsfeld. Foto: Dieter Leder

0,252 und 0,122 – das sind die gesuchten Messwerte aus den Akten der Schriesheimer Wasseranalyse von 2008, die nach Aussagen der Stadt Schriesheim angeblich „nicht greifbar“ sind. „Eventuell sind sie vernichtet worden, weil sie nicht historisch relevant sind“, wie Kämmerer Volker Arras das Verschwinden der Akten auf Nachfrage im Juni erklärte.

Nachdem die Stadt Schriesheim die Ergebnisse der Wasseranalyse aus dem Jahre 2008 im Zuge der Nachfrage nicht finden konnte (oder wollte), kann 6800.info diese nun doch präsentieren: Nicht die Stadt Schriesheim lieferte letztlich die gesuchte Analyse, sondern aktive Bürger. Damit bestätigt sich jetzt in genauen belastbaren Zahlen, was zuvor schon vermutet worden war: Der Hesselbrunnen ist gar nicht so giftig, wie die Stadt Schriesheim behauptet hatte.

Wegen angeblicher Gesundheitsgefahr wird der Brunnen geschlossen

Hintergrund für die Anfrage im Juni war die Schließung des Hesselbrunnens an der L536 zwischen Schriesheim und Wilhelmsfeld im Frühjahr diesen Jahres. Die Stadt Schriesheim sprach zur Begründung von einer deutlichen Überschreitung der Grenzwerte der Trinkwasserverordnung „zum Teil um das hundertfache“ und beschloss zum Schutz der Wasserholer die Schließung des bei sogenannten Wassertouristen beliebten Brunnens. Grundlagen für die Behauptung der Stadt Schriesheim soll die verschwundene Analyse von 2008 gewesen sein.

Die Stadt Schriesheim zwingt die Wasserholer, ihr Wasser statt am Hesselbrunnen am Parkplatz nun direkt an der Hesselquelle im Wald oberhalb des Parkplatzes zu holen. Foto: Dieter Leder

Während erhöhte Mangan-Werte im Trinkwasser keine allzu großen Auswirkungen auf den menschlichen Organismus haben sollen, können erhöhte Aluminium-Werte angeblich gesundheitsschädlich sein: Die Alzheimer-Erkrankung soll auf erhöhte Aluminium-Werte zurückzuführen sein. Wissenschaftlich erwiesen ist das noch nicht ganz, es gibt auch Aussagen von Wissenschaftlern, die die Gefährlichkeit nicht sehen, insbesondere nicht bei „bedingten Überschreitungen bei geringen Abgabemengen.“

Schriesheim jedenfalls sah Handlungsbedarf bei angeblich hundertfach überschrittenen Grenzwerten und betonierte den Brunnen einfach zu. 6800.info berichtete im Juni mehrfach ausführlich über die Aktion mit den „falschen Zahlen und verschwundene Akten“ und der fehlenden Verantwortung Schriesheims für die Quellen.

Schon 2008 stand fest: Der Brunnnen ist gar nicht giftig

Der Grenzwert gemäß Trinkwasserverordnung für Aluminium liegt bei 0,2 mg/l, der für Mangan bei 0,05 mg/l. Bei einer hundertfachen Überschreitung, wie sie die Stadt Schriesheim bezugnehmend auf die verschwundene Analyse von 2008 kommunizierte, lägen die Werte des Hesselbrunnens damit bei mindestens 20 mg/l (Aluminum) sowie bei 5 mg/l (Mangan).

Doch tatsächlich wurden 2008 nur 0,252 mg/l Aluminium und 0,122 mg/l Mangan im Brunnenwasser nachgewiesen, wie aus der nun wieder aufgetauchten Analyse zu entnehmen ist. Im Oktober und November 2008 führte die Mannheimer Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH (MVV) im Auftrag der Schriesheimer WVE (Wasserversorgungs- und -entsorgungsgesellschaft Schriesheim mbH) die Wasseruntersuchung des Hesselbrunnens durch.

Die Wasseranalyse des Hesselbrunnens aus dem Jahre 2008: Das Wasser wurde von der Mannheimer MVV untersucht. Foto: Privat

Im Ergebnis liegen die genannten Werte zwar über den Grenzwerten der Trinkwasserverordnung, aber eben nicht im gefährlichen hundertfachen Bereich, sondern nur geringfügig darüber: Aluminium wird nur um etwa 25% überschritten, Mangan nur um etwa das 2,5-Fache.

Weitere Analyse bekannt geworden

Darüber hinaus ist mittlerweile noch eine weitere Analyse bekannt geworden, die knappe sechs Monte später, im März 2009, vorgenommen wurde. Diese private Analyse der Universität Gießen ermittelte 0,25 mg/l Aluminium sowie 0,14 mg/l Mangan im Wasser des Hesselbrunnens: Die Werte stimmen in etwa mit den Werten der Analyse der MVV/MVE vom Oktober 2008 überein.

Zehn Jahre später sind die Werte leicht zurückgegangen: Mit 0,19 mg/l liegt der Aluminium-Wert erstmals unter dem Grenzwert von 0,2 mg/l, wie eine weitere Analyse von Limbach Analytics GmbH vom September 2018 ergeben hatte. Auch der Mangan-Wert ging zurück und lag bei 0,094 mg/l. Über diese Analyse hatte 6800.info ausführlich im Juni berichtet.

Zwei neue Analysen am selben Tag

Kurz nach der Berichterstattung von 6800.info im Juni über die von der Stadt Schriesheim publizierten falschen Zahlen wurden am 24. Juni auf den Tag genau gleich zwei voneinander unabhängige Untersuchungen des Quellwassers des Hesselbrunnen durchgeführt. Die Stadt Schriesheim hatte die eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die zweite Untersuchung wurde von privater Seite in Auftrag gegeben.

Die privat in Auftrag gegebene Untersuchung vom 24. Juni führte Limbach Analytics GmbH durch. Das Mannheimer Labor ermittelte einen unveränderten Aluminium-Wert von 0,19 mg/l, der Mangan-Wert lag in der Untersuchung minimal erhöht bei 0,098 mg/l im Vergleich zur Untersuchung vom September 2018. Diese neuen Werte liegen damit auch weiterhin im unmittelbaren Mittelwert aus den drei bis dahin dokumentierten Untersuchungen aus den 13 Jahren zuvor, der beim Aluminium bei 0,23 mg/l und bei Mangan bei 0,118 mg/l liegt.

Wer die zweite Quellwasseruntersuchung am 24. Juni durchführte, ist nicht bekannt, die Stadt Schriesheim wollte sich als Auftraggeber trotz mehrfacher Anfragen dazu nicht äußern. Sie teilte lediglich die Ergebnisse mit: Der Aluminium-Wert soll bei ihrer Untersuchung bei 1,39 mg/l liegen, der Mangan-Wert bei 0,288 mg/l.

Abweichende neue Schriesheimer Analyse nicht belastbar

Die neuen Schriesheimer Messwerte sind gleich in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung: Der Aluminium-Wert liegt demnach siebenfach über dem Grenzwert, der Mangan-Wert um knapp das sechsfache. Damit hat die Stadt Schriesheim selber eingeräumt, dass ihre ursprüngliche Aussage einer hundertfachen Überschreitung der Grenzwerte nicht richtig war.

Im Vergleich der neuen Schriesheimer Messwerte zu den langjährigen Mittelwerten der vergangenen Messungen fällt zudem auf, dass beide neuen Messwerte deutlich von den Mittelwerten abweichen: Der Aluminium-Messwert von 1,39 mg/l wäre demnach um das sechsfache höher, der Mangan-Wert von 0,288 mg/l würde um knapp das zweieinhalbfache vom Mittelwert abweichen.

Dabei müssten die Messwerte vielmehr konstant bleiben, wie Dieter Teufel vom Heidelberger Umwelt- und Prognose-Institut (UPI) bestätigt: „Der durch den sauren Regen angerichtete Schaden ist irreversibel, die Werte ändern sich nicht mehr.“ Damit stellt sich die berechtigte Frage, wie wissenschaftlich belastbar die neuen Schriesheimer Messwerte tatsächlich sind?

Wer oder welches Institut für die neuen Messwerte verantwortlich ist, wollte die Stadt Schriesheim nicht mitteilen. Eine genauere Beurteilung der Werte oder gar ein Überprüfung ist damit nicht möglich: Die neuen Schriesheimer Zahlen sind damit wieder nicht belastbar.

Das ganze erinnert an die im Frühjahr von der Stadt kommunizierte angeblich hundertfache Überschreitung der Grenzwerte, die sich mittlerweile als komplett falsche Angaben herausstellten. Wenn Schriesheim nun auch wieder keine Angaben zur Herkunft der ebenfalls wieder fragwürdigen und abweichenden neuen Zahlen liefert, sieht es so aus, als ob auch diese Zahlen wieder aus der Luft gegriffen sind und auch wieder keine wissenschaftliche Zahlen darstellen.

Pilzsammler und Corona: Schriesheim reagiert nicht

Aber an wissenschaftlich belastbaren Zahlen hat die Stadt Schriesheim offensichtlich auch kein wirkliches Interesse. Es geht der Stadt ja auch nicht wirklich um das Wasser, wie 6800.info schon im Juni berichtete: Und da ist ihr wohl jedes Argument recht, egal wie falsch oder überholt es ist.

Die Stadt Schriesheim begründete die Schließung des Brunnens auch damit, dass die Wasserholer im Wald herumtrampeln und das Wild stören würden. Doch tatsächlich sind es die Pilzsammler, die derzeit im herbstlichen Wald zu beobachten sind, die die Natur zerstören und das Wld stören und leicht von Wasserholern zu unterscheiden sind: Denn im Unterschied zu Wasserholern haben die Pilzsammlern Pilzkörbe dabei und keine Wasserkanister.

Und auch die Erklärung der Stadt, die Schließung des Hesselbrunnens mit nicht eingehaltenen Corona-Regeln zu begründen, hat sich nach dem Lockdown erübrigt. Auf die Frage, ob denn nun der Hesselbrunnen wieder geöffnet wird, hat die Stadt Schriesheim nicht geantwortet.

Das sagen die Bürgermeisterkandidaten: Von Schweigen bis transparente Öffentlichkeitsarbeit

Am 28. November 2021 wählt Schriesheim einen neuen Bürgermeister. Bisher sind zwei Kandidaturen bekannt geworden: Die derzeitige stellvertretende Schriesheimer Bürgermeisterin Fadime Tuncer (Grüne) sowie der Wilhelmsfelder Bürgermeister Christoph Oeldorf (CDU) haben sich um das Amt beworben. 6800.info wollte von beiden wissen, wie es mit der Hesselquelle weiter geht, wenn sie die Nachfolge des bisherigen Bürgermeisters Hansjörg Höfer (Grüne) antreten werden.

Christoph Oeldorf hat auf die schriftliche Anfrage von 6800.info nicht reagiert. Von ihm liegt demnach keine Aussage vor, wie er als möglicher Schriesheimer Bürgermeister in dieser Sache handeln wird.

Fadime Tuncer dagegen hat sehr ausführlich geantwortet: „Inzwischen gibt es verschiedene Untersuchungen und Sichtweisen zu den benannten Quellen. Ich würde gerne eine eigene Untersuchung in Auftrag geben. Vom Auftrag bis hin zur Veröffentlichung würde ich das Verfahren transparent gestalten, das Ergebnis dann der Öffentlichkeit präsentieren und wenn es keine gesundheitlichen Bedenken gibt, würde ich die Quellen wieder zugänglich machen. Grundsätzlich gilt für mich: Quellen müssen fließen.“

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